Texte:Tierrechtsaktivismus und kreativer Widerstand
Aus Buchprojekt
Von Espi Twelve, espi(ätt)projektwerkstatt.de
Tierhaltung1 und -versuche, ,Fleischproduktion', Jagd ... die vielfältigen Formen von Tierausbeutung schreien danach, öffentlich gemacht, gestoppt oder wenigstens gestört zu werden. Zum Glück setzen nicht alle die Hoffnung darauf, dass der Staat sich für das Wohl anderer Tiere einsetzt. Direkte Aktion, verstanden als unmittelbares Handeln, um Tierausbeutung zu beenden oder zu sabotieren, gehört für viele Tierrechtlerinnen fest zu ihrer Praxis oder gilt zumindest als legitim. Insofern gibt es Verbindungen zu Ansätzen kreativen Widerstands - aber auch viele Lücken, die kritisch reflektiert werden sollten.
Protestformen mit hoher Kommunikationsintensität, unberechenbaren Wendungen oder offene Aktionskonzepte, die aus vielfältigen Bausteinen bestehen, sind (nicht nur) in ,der' Tierrechtsszene selten anzutreffen oder stoßen auf blanke Ignoranz.2 Zudem gibt es Tendenzen, die mit dem Ziel kollidieren, Menschen zu erreichen und zu sensibilisieren, darunter ausgrenzendes Verhalten, Mackerigkeit und eine identitäre3 Ausrichtung.
Ausgehend von einer kritischen Bestandsaufnahme versuche ich in diesem Text zu beleuchten, welche Möglichkeiten sich durch Direct Action eröffnen und wie kreative Widerstandsformen dazu beitragen könnten, eine motivierende, selbstbestimmte und vielfältigere Tierrechtspraxis zu entwickeln. Zur Veranschaulichung werden zahlreiche Anwendungsbeispiele für phantasievolle Aktionen dokumentiert.
Direct Action, Diskurs, Herrschaftskritik
Direct Action ist kein geschlossenes Konzept oder Rezept, das in ein paar griffige Parolen gepackt werden kann. Hinter dem labeligen Begriff verbirgt sich für mich mehr ein komplexes ,Paket' von Aspekten, welche vage die Praxis kreativen Widerstands umschreiben. All diese Facetten sind bedeutsam und sollten immer mitgedacht werden. Anstatt einer linearen und vom restlichen Text isolierten Auflistung habe ich mich entschieden, die einzelnen Aspekte dort zu beschreiben, wo damit eine Kritik an bestehenden Aktionskonzepten innerhalb von Tierrechtszusammenhängen ergänzt werden kann.
Als ,Einführung' erscheint mir vorerst ausreichend, den theoretischen Ausgangspunkt kreativer Widerstandspraxis deutlich zu machen: Direct Action ist ein Teil emanzipatorischer Politik, welche das langfristige Ziel verfolgt, Herrschaftsverhältnisse abzubauen und zu überwinden. Damit verknüpft ist ein bestimmtes Verständnis davon, wie Herrschaft ,funktioniert' und aufrechterhalten wird - und welche Ansatzpunkte sich anbieten, um Herrschaft zu destabilisieren ...
Diskursive Herrschaft
Schlachthöfe, Versuchslabore, Tiere zu Sachen degradierende Gesetzestexte ... all das sind Strukturen, die Tierausbeutung ermöglichen und vollziehen. Aber die vielleicht viel wirkungsmächtigere Stütze dieses Systems ist die „Herrschaft über die Köpfe“: Tierausbeutung ist so durchschlagend, weil sie fest in den Denk- und Verhaltensmustern vieler Menschen verankert ist. Medien, wissenschaftliche Abhandlungen, Werbung oder alltägliche Stammtischgespräche - sie alle bestärken Tag für Tag, dass ,Tiere' und Menschen als einander entgegengesetzte Kategorien gedacht werden, dass ,Tiere' als Nahrungsmittel oder beliebig nutzbares Material gelten. Dieses Geflecht von unterschiedlichsten Kommunikationsprozessen kann als Diskurs bezeichnet werden. Diskurse sind ,typisch' für moderne Herrschaftssysteme; die darüber verbreiteten Normierungen und Denkmuster sind so mächtig, weil sie weder ein klar greifbares Zentrum (z.B. ,den' Staat), noch ein Außen kennen, weil sie jeden gesellschaftlichen Winkel durchdringen. Ihre Allgegenwart führt dazu, dass etwas anderes kaum noch gedacht werden kann, so dass es beispielsweise als selbstverständlich erscheint, sich ,Tiere' zu halten, sie zu essen oder Medikamente an ihnen zu testen. Auch die hierarchischen Geschlechterverhältnisse, die Diskriminierung von Kindern, Psychiatrisierung oder Rassismus leben sehr stark von ihrer diskursiven Verankerung.
An den Diskursen ,rütteln'
Es kann zwar im Einzelfall sehr erfolgreich sein, einzelne Firmen (z.B. eine ,Pelz' verkaufende Ladenkette) mit Widerstand zu überziehen, aber als alleinige Strategie reicht das nicht. Weil der Diskurs kein Zentrum hat, kann er sich ständig in allen gesellschaftlichen Subräumen wieder reproduzieren. Wer die Tierausbeutung beenden oder einschränken will, muss daher an den Diskursen ,rütteln', von denen sie getragen wird. Hier setzt kreativer Widerstand an; es ist der Versuch, die Köpfe der Menschen zu erreichen, um Normalität zu hinterfragen. Die Menge zerschlagener Fensterscheiben oder anwesender Polizistinnen ist dafür nicht entscheidend: Zentrales Anliegen von kreativem Widerstand ist es, Kommunikation zu erzeugen, „Erregungskorridore“ zu schaffen. Es geht darum, Normalität zu durchbrechen - und das setzt andere Protestformen voraus: Ein perfekt formuliertes Flugblatt stößt nicht auf großes Interesse, wenn es einfach wortlos oder mit einem Standardspruch verteilt wird. Demonstrationen oder Mahnwachen (in ihrer üblichen Form) sind viel zu sehr Teil des als normal Erlebten, um irritierende Wirkung zu entfalten; sie erreichen kaum Menschen außerhalb der schon Aktiven oder vermitteln kaum etwas über einfache Parolen oder das Gefühl hinaus, irgendetwas getan zu haben. Theater, vor allem versteckte Aufführungen mit Einbindungen unbeteiligter Menschen, Subversion oder auch die direkte Einwirkung auf scheinbar normale Abläufe können viel stärker Kommunikation aufbauen. Sie können Aufmerksamkeitsmomente bei den angesprochen Personen schaffen, die sich in Irritation, Belustigung, Ärger oder Neugier ausdrücken können. Wo das gelingt, entsteht eine Ebene, die mit Kommunikation über politische Positionen bis hin zu gesellschaftlichen Utopien gefüllt werden kann. Das ist auch das Spannende: Aktionsmomente zu entwickeln, die in visionären Diskussionen münden ... also dazu führen, dass in der Straßenbahn, im Laden oder in der Innenstadt über andere Gesellschaftsentwürfe debattiert wird. „Widerstand und Vision“, auch der Untertitel von „Fragend voran ...“, können dann sehr nah beieinander liegen. Wie solche intensiven Kommunikationsräume geöffnet werden können, ist eine Frage, die vor, bei und nach jeder Aktion neu gestellt werden muss.
Bestandsaufnahme und kritische Reflexion
Vielleicht ein paar Anmerkungen vorweg: An dieser Stelle werden einzelne Momente von Tierrechtsaktivismus, die mir für die Auseinandersetzung interessant erscheinen, herausgegriffen und analysiert. Damit soll keine Vollständigkeit oder Allgemeingültigkeit suggeriert werden. Viele der hier versammelten Kritiken treffen sicher nur auf einige Tierrechtszusammenhänge zu und lassen sich auf andere Teile politischer Bewegung übertragen.
Aktionsansätze in Tierrechtszusammenhängen
Tierrechtszusammenhänge haben einen vergleichsweise starken Bezug zu Direkten Aktionen. Für viele Aktivistinnen ist dabei nicht entscheidend, ob diese sich in einem legalen oder illegalen Rahmen bewegen. Schon die dokumentierten Beispiele4 liegen deutlich über dem Durchschnitt politischer Bewegung in dieser Republik und machen deutlich, dass Militanz5 eine feste ,Zutat' tierrechtlerischer Praxis mit hoher Akzeptanz ist. Sie umfasst ein breites Spektrum, darunter Jagdsabotage (Demontage oder anderweitige Zerstörung von Jagdinfrastruktur, öffentliche Störung von angekündigten Jagd-,Events'), Tierbefreiungsaktionen (z.B. ,Besuche' auf Pelzfarmen) oder Anschläge auf Firmen, die besonders intensiv in Tierausbeutung verstrickt sind. Die Absteckung des Aktionsrahmens jenseits gesetzlicher Vorgaben ist grundsätzlich positiv zu bewerten, weil Grenzen nicht bereits im Kopf reproduziert und mehr Handlungsmöglichkeiten offengehalten werden.
Auch offene, öffentliche Aktionen sind stark verbreitet. Dabei wird sich vor allem konventioneller Protestformen wie Flugblatt-Aktionen vor Zirkussen, Demonstrationen zu allgemeinen wie konkreten Anlässen (z.B. Jagdmessen) oder Infostände und Kundgebungen vor Pelz-Geschäften ,bedient'. Damit verbunden oder auch unabhängig davon sind Unterschriftenlisten und Petitionen zu diversen Themen ein übliches Mittel. Häufig sind sie mit Forderungen nach Gesetzesverschärfungen verbunden, z.B. Verbot von Tierversuchen oder bestimmten Haltungsbedingungen. Diese Aktionsformen richten sich an staatliche Stellen.
Kritik und Erweiterungen aus dem Direct Action-,Bestand'
Direktheit
Unterschriftenlisten, Petitionen, aber teilweise auch Demonstrationen (abhängig von den jeweiligen Forderungen) haben rein appellierenden Charakter. Wer sich so an die Herrschenden wendet, bestätigt diese als Ebene, auf der gesellschaftliche Probleme gelöst werden und verschafft Regierungen und Parteien damit an Akzeptanz. Daher sind solche Aktionen immer auch eine „Werbeeinblendung“ für Herrschaft, auch wenn diese zu anderen Zwecken eingesetzt werden soll. Sie fordern noch mehr Stellvertretungspolitik und beziehen sich positiv auf demokratische Verhältnisse. Diese sind gerade dadurch gekennzeichnet, dass die Menschen nur minimale Mitbestimmungsmöglichkeiten haben und Selbstbestimmung gar nicht vorgesehen ist.6 Auch praktisch laden beispielsweise Unterschriftensammlungen dazu ein, dass die angesprochenen Menschen ihre Verantwortung abgeben, statt eigene Aktivitäten zu entfalten. Statt des Bezuges auf gesellschaftliche Eliten, die so noch gestärkt werden, sollten Aktionen sich immer an die Menschen richten und diese zu Widerstand ermutigen. Neben herrschaftskritischen Einwänden ist der Sinn solcher Politiken auch in der Sache fragwürdig: Petitionen oder Unterschriftenlisten bauen keinen politischen Druck auf, der Konzerne oder Regierungen zu Veränderungen nötigen könnte. Appellierende Politiken erkennen die eigene Abhängigkeit und Ohnmacht aktiv an. Besser erscheint mir, die eigene Handlungsfähigkeit auszuweiten und zu nutzen, um Druck „von unten“ zu entfalten. Dieser entsteht durch direkte Aktionen, deren geschickte Verbindung sowie weitere Formen unabhängiger Öffentlichkeitsarbeit.
Vermittlung, Kommunikation, Kreativität
Bei öffentlichen Aktionen mit Tierrechtshintergrund wird oft auf ritualisierte, teilweise langweilige Aktionsformen (Demonstrationen oder Kundgebungen) zurückgegriffen, die wenig Außenwirkung entfalten. Straßentheater oder kreative Performances sind manchmal anzutreffen, könnten aber viel breiter und eigenständiger verwendet werden.
Das Problem typischer Demonstrationen: Zum einen sind sie selber zu sehr Teil des Normalen (siehe „An den ,Diskursen' rütteln“, Seite 87), zum anderen sind sie nicht kommunikativ angelegt, das heißt die Demonstrantinnen bilden einen Block und bleiben die meiste Zeit unter sich; Außenvermittlung oder Kommunikation mit umstehenden Personen bilden die absolute Ausnahme oder beschränken sich auf Flugblätter.
So treffen sich auf (vergleichsweise schlecht besuchten) Veranstaltungen und Demonstrationen immer wieder nur jene, die eh schon aktiv sind. Dieser „in group“-Effekt ist kein Zufall; ein Grund dafür ist meines Erachtens die identitäre Ausrichtung in einigen Teilen ,der' Tierrechtsszene: Bei Aktivitäten in der Öffentlichkeit geht es vordergründig darum, sich der eigenen Identität zu vergewissern - und nicht darum, andere Menschen zu erreichen. Ausdrücke dessen sind zum Beispiel
- uniformierte Kleidung im autonomen Tierbefreier-,Spektrum', die nicht gerade einladend wirkt7 oder die Betonung von gemeinsamen Verhaltens- und Sprachcodes, die nur von Insiderinnen verstanden werden und ausschließend wirken,
- mindestens unsensible, teilweise grenzverletzende Angriffe auf einzelne Passantinnen, die z.B. gerade mit einem Döner oder einem Hamburger durch die Innenstadt latschen und dafür von einem Kollektiv als „Mörderinnen“ angebrüllt werden. Das schafft ein „Wir“-Gefühl, das sich über die Abgrenzung zu den anderen, „normalen“ Menschen definiert. Anzumerken ist, dass es viele Tierrechtlerinnen gibt, die solche Praxen bescheuert und politisch falsch finden (und so ausgerichteten Aktionen fern bleiben).
Zum einen gibt es grundsätzliche Kritik an kollektiver Identität als herrschaftsförmigem Konstrukt.8 Andererseits schließen kollektive Orientierungen soziale Räume, die überhaupt Kommunikation mit unbekannten Menschen entstehen lassen. Dann verlieren offene Aktionen gänzlich an Sinn.9 Zudem wirkt identitäres Gehabe vereinheitlichend nach innen und macht eine selbstbestimmte Vielfalt unterschiedlicher Aktionsformen unmöglich (siehe „Offene Aktionsansätze und Hierarchiefreiheit“, Seite 93).
Neben der Bewusstmachung dieser Problematik ist es sofort möglich gegenzusteuern, indem andere Rahmenbedingungen bei Aktionen geschaffen werden, damit diese nicht zu Aktivistinnen-Treffen verkommen.
Möglich sind beispielsweise Aktionstage, bei denen viele Kleingruppen sich eigene Aktionen überlegen und umsetzen, die ein starkes, kommunikatives Element beinhalten (Straßen- oder verstecktes Theater, Gegendemos oder -Aktionen). Auf diese Weise könnten Tierrechtsthemen - schon bei gleicher Personenanzahl - viel wirkungsvoller in die Öffentlichkeit getragen werden, als das bei selbstbezüglichen Demonstrationen zu erwarten wäre. Das schließt Demonstrationen nicht aus, zumal deren konkrete Form veränderbar ist und Mischungen möglich sind (z.B. ein kurzer Demonstrationszug, dann eine Phase für Kleingruppenaktionen und später noch einmal eine angemeldete Kundgebung10) Die Wiederholung angestaubter Aktionsmuster ist auch für die Durchführenden langweilig und kaum motivierend. Wenn Kreativität und Kommunikation viel mehr im Mittelpunkt stehen würden, könnten Tierrechtsaktionen für alle interessanter werden - aber auch anstrengender. Denn für viele mag es erst einmal mit Hemmungen besetzt sein, auf Menschen zuzugehen, sich dabei als konkrete Person zu ,stellen'. Ich kann mich nicht mehr hinter einem Transparent verschanzen, in der Demo untertauchen. Aktionsformen, die in vielen intensiven Gesprächen mit Passantinnen münden, können aber ungemein antreibende Wirkung entfalten. Sie schaffen Entfaltungsmöglichkeiten für die einzelnen Aktivistinnen. Das eigene Handeln zu erleben und dass es etwas auslöst, kann ein starker, persönlicher Antrieb für kreativen Widerstand werden.
Beispiele
- Kreativ-kommunikativ mit „Mars-TV“: Mars-TV ist eine Theaterspiel ab 3 Personen, die als Marswesen verkleidet (dazu reichen auch einfach skurrile Verkleidungen) mit einem als Fernsehbildschirm gestalteten Transparent wie in einer Talkshow für Marsbewohnerinnen („Wir sind live auf dem Mars zu sehen ...“) handeln. Währenddessen springen sie von einer Interviewpartnerin zur anderen. Das Besondere dabei ist, dass die Marswesen über Fragen auf naive Weise ständig das Geschehen und die üblichen Abläufe von Herrschaft anzweifeln, weil es so etwas auf dem Mars nicht gibt. Das Selbstverständliche wird dann plötzlich zum Absurden.11 Mars-TV könnte beispielsweise in oder vor Zoos, ,Zoogeschäften', ,Hundeschulen' oder anderen Orten angewendet werden, wo Tierhaltung besonders auffällig zelebriert wird. Mögliche Fragen gibt es viele, z.B. „Ist das nicht blöd, andere Lebewesen so eingesperrt zu sehen?“, „Du kaufst Tiere? Heißt das, wir Marsianerinnen könnten wen von Euch auch kaufen und mitnehmen?“ oder „Gibt es auf diesem Planeten eigentlich viele Lebewesen, die sich andere durch Gitterstäbe ansehen?“
- Eine andere Möglichkeit wäre, in Zoos12 selber Führungen zu machen, die sich aber auf die menschlichen Tiere konzentrieren. Immer wieder bleibt die Besucherinnengruppe vor Menschengruppen stehen, während ein oder zwei Personen in sachlich-wissenschaftlichem Tonfall über die seltsamen Verhaltensweisen von diesen Wesen referieren und dabei die Hintergründe von Tierhaltung aufdecken (Inszenierung menschlicher Überlegenheit, Projektionsfläche für Macht- und soziale Bedürfnisse). Ähnlich wie Mars-TV würde dabei das scheinbar Selbstverständliche so dargestellt, dass seine Absurdität offen aufscheint.
- Straftaten ankündigen als Aktion: Denkbar ist, ähnlich wie die Kampagne Gendreck weg! zu öffentlichen Feldbefreiungen13 aufruft, an einem bestimmten Datum die Demontage aller Jägersitze in einem bestimmten Bereich offen anzukündigen durch Flugblätter, Internetseiten und Pressemitteilungen. In diesem Fall kann die Ankündigung selbst den Erregungskorridor schaffen, um inhaltliche Vermittlung zu ermöglichen. Eine martialische Absicherung von Hochsitzen durch Polizei-Hundertschafen wäre zudem auch eine interessante Symbolik, die wiederum genutzt werden könnte, um deutlich zu machen, wie Ausbeutung oder Umweltzerstörung durch Repressionsorgane14 gestützt werden ... und lustig wär's bestimmt auch ...
Normalität durchbrechen
Normalität antastende Aktionsformen sind in Tierrechtszusammenhängen rar, obwohl zeitaufwendig vorbereitete Demonstrationen wenig Effekte zeigen (außer der schleichenden Ermüdung der Aktivistinnen). Dabei sind es sind oft sehr einfache, subtile Mittel, mit denen wirkungsvoll an der Normalität gerüttelt und ein Aufmerksamkeitskorridor aufgemacht werden kann. Entscheidend ist nicht hoher Materialeinsatz, sondern Punkte zu finden, wo nicht damit gerechnet wird, auf Widerstand zu treffen und daher Verwirrung und Neugier zu erwarten sind.
Beispiele
- Um Konsumentinnnen direkt zu erreichen, könnten Aufkleber auf Fleischprodukten angebracht werden, die auf den ersten Blick den üblichen Zusatzetiketten nachempfunden sind, zum Beispiel eine Kombination aus überspitzt positivem Spruch und weiterführender Internetseite („Dieses Produkt schafft jetzt noch mehr Spielplätze durch Regenwaldrodungen in Brasilien“, „Fleisch senkt die Überwaldung in Entwicklungsländern“).
- In Bücher und Magazine zu Tierhaltung oder Jagd könnten Lesezeichen eingelegt werden, die sich kritisch mit den Inhalten auseinandersetzen.
- Oder ein Korrekturschreiben des Verlags nachempfinden und darin unauffällig die kritischen Positionen einbauen.
- Körperpflege- und ähnliche Produkte könnten mit unterschlagenen Informationen erweitert werden, zum Beispiel einem Aufkleber wie „Dieses Produkt enthält 100% Tierversuche“. Sehr eindrucksvoll könnte auch sein, ein Etikett unter die Liste der Inhaltsstoffe zu setzen, auf dem die für das Produkt gequälten und getöteten nichtmenschlichen Tiere benannt werden.
- Auf Aquarien in ,Zoohandlungen' könnten Spruchblasen aufgeklebt werden, die sich kritisch mit Tierhaltung auseinander setzen („Wie könnt ihr Lebewesen einsperren und in eure Wohnung stellen, ohne dabei verrückt zu werden?“, „Nur Menschen sperren andere Tiere ein und kommen sich dabei toll vor“ oder „Ich will nicht eure Projektionsfläche sein - Schluss mit Tierhaltung!“).
Offene Aktionsansätze und Hierarchiefreiheit
Trotz der (im relativen Vergleich zu anderen politischen Bewegungen) stärker ausdifferenzierten Aktionspalette ist zu befürchten, dass sich nicht alle Menschen dort wieder finden bzw. verwirklichen können. Das wird bereits dadurch verhindert, dass Demonstrationen als einheitliche Massenaufläufe organisiert sind und auch so beworben werden. Nicht einmal der Aufruf, eigene Ideen einzubringen, findet sich in Einladungen zu solchen Demonstrationen, deren Struktur fast immer vorher festgelegt und mit Hierarchien und Privilegien überfrachtet ist. So gibt es oft nur wenige Rednerinnen, während die Funktion der Vielen auf das treue Mitlatschen beschränkt wird.
Eine weitere Hürde für eine bunte Tierrechtspraxis ist Mackerigkeit, die von einigen an den Tag gelegt wird: Das Anschreien von Passantinnen oder Verkäuferinnen in Pelzläden ist nicht nur wenig aussagekräftig, sondern kann einschüchternde Wirkungen entfalten, die nicht mit einem emanzipatorischen Anspruch vereinbar sind. Zudem verstärkt mackeriges Verhalten auch Dominanzstrukturen unter den Aktivistinnen, weil es unsichere Personen hemmen kann und ihnen den Raum nimmt, andere Aktionsmomente zu entwickeln.
Direct Action setzt auf offene Aktionsstrukturen, die eine hohe Gleichberechtigung, Vielfalt und Handlungsfähigkeit vieler ermöglichen sollen. Dazu gehören
- Transparenz, d.h. offene Einladungen zu Vorbereitungstreffen, gut verfügbare Informationen (z.B. Stadtpläne mit Aktionspunkten, die über Internet und Papiermedien gestreut werden),
- offene Aktionsplattformen15, d.h. Räume mit offen nutzbarer Infrastruktur (z.B. Computer mit Presseverteilern) und Materialpool (Transparentstoff, Megaphone, Trillerpfeifen, Verkleidungen und vieles mehr), damit Menschen schnell eigene Aktionsideen umsetzen können,
- Trainings zu kreativem Widerstand im Vorfeld, damit das Know-how für direkte Aktionen und der Mut zur Umsetzung nicht auf ein paar Privilegierte beschränkt ist,
- Ansätze offener Organisierung: Offenes Mikrophon (statt privilegierte Reden), Phasen für Kleingruppen-Aktionen, Wiki-Seiten (z.B. www.de.anarchopedia.org), die von allen Menschen verändert werden können,
- die bewusste Reflexion von Hierarchien und der praktische Wille, diese abzubauen.
Die Mischung macht's
Militante Tierrechtsaktionen werden oft (wenn überhaupt) nur per Bekennerinnenschreiben nach außen kommuniziert. Der erreichte Personenkreis ist dadurch sehr begrenzt, obwohl es viel mehr Möglichkeiten der inhaltlichen Vermittlung geben könnte, wenn verschiedene Aktionsformen miteinander kombiniert würden. Diese Kritik ist aber sehr grundsätzlich zu verstehen: Jede Aktion für sich genommen hat immer eine beschränkte Wirkung. Daher macht es Sinn, unterschiedlichste Aktionen aufeinander zu beziehen, langsam zu steigern, Höhepunkte zu setzen oder Überraschungsmomente einzubauen. Zudem können Aktionsformen auch zeitlich nah oder sogar unmittelbar kombiniert werden, um den kommunikativen Effekt zu verstärken.
Beispiele
- Wenn die Route einer angemeldeten Tierrechtsdemonstration oder interessante Punkte auf dieser in den Nächten davor schon mit Graffiti, Straßenkunst oder Plakatveränderungen umgestaltet wurde, ist ein direkter Bezug von der Versammlung aus (z.B. durch Redebeiträge) möglich.
- Wer nicht nur Fleischprodukte mit kritischen Überklebern bestückt, sondern auch noch ein verstecktes Theater an der Ladenkasse inszeniert, verhält sich frech und erhöht die Chancen auf eine intensive Kommunikation über politische Positionen.
Subversion
Der überwiegende Teil tierrechtlerischer Aktionen ist sehr linear angelegt. Es gibt klar identifizierbare Aktionsmuster und wenig überraschende Momente. Eine ordentliche Portion Subversion könnte das ändern: Die Ausstattung von Staat, Konzernen, Marktinstitutionen und großen Organisationen mit repressiver Macht, Steuerung von Diskursen und öffentlicher Wahrnehmung sowie der Einflussnahme auf Medien ist fast unendlich. Es besteht keine Chance, hier ähnliche „Power“ aufzubauen und die Herrschaftssysteme mit gleichen Methoden zu besiegen. Im Einzelfall können Überraschungsmomente gelingen, wobei Überraschung schon selbst ein Mittel der Kreativität ist und damit eine auf gleiche Mittel setzende Strategie überwindet. Subversion meint, die Kraft des Gegenübers nicht zu bekämpfen, sondern so umzulenken, zu verändern und zu verdrehen, dass sie für die eigenen Ideen oder zumindest gegen das Gegenüber gewendet werden kann (Subversion ist sozusagen die Entsprechung zu manchen Selbstverteidigungs-Techniken bei politischen Aktionen!). Zum einen können die Handlungen der Machtsysteme verdreht werden, zum anderen können die Apparate und Handelnden selbst so umgelenkt werden, dass sie gegen sich zu arbeiten beginnen. Der Aufwand ist meist niedrig und die Wirkung hoch, wenn Subversion angewendet wird ...
Beispiele
- Plakate verändern: Zirkus-Plakate (natürlich nur, wenn nichtmenschliche Tiere dabei sind!) abzureißen ist eine Variante, die nur wenig Inhalte vermittelt. Interessanter könnte schon sein, diese Werbeflächen so zu verändern, dass sie die Kritik an Tierhaltung befördern. Zum Beispiel mit einfach herstellbaren Überklebern wie „Unsere Tiere leiden gerne für Ihr Vergnügen“ oder „Fällt aus wegen Dauer-Depression bei vielen Tieren“. Auch der Spruch „Jetzt genau so schön ohne Tiere“ (mit Erklärung) könnte unangenehme Wirkungen für die Zirkusbetreiberinnen haben ...
- Jagdsabotage per gefälschtem Schreiben ,legalisieren': In den Dörfern um ein ,Jagdrevier' teilt der zuständige Jäger über eine Postwurfsendung mit, dass er seine Position aufgibt und eine Nachfolge nicht vorgesehen sei, weil inzwischen der ökologische Nutzen von Jagd nicht mehr gesichert sei. Die Bürgerinnen werden ausdrücklich aufgefordert, beim Abbau der Jägersitze mitzuhelfen; das Holz könne im Winter zum Heizen verwendet werden. Neben dem kommunizierten Eingeständnis, das Jagd nicht ökologisch begründbar ist, können mit diesem Fake strafbare Handlungen legalisiert werden. Denn wenn du nun beim munteren Sägen erwischt werden solltest, hast du eben einfach nur dem Papier geglaubt und etwas Gutes tun wollen ...
- Ausfallgründe produzieren: Wenn vor einer Treibjagd mit festgelegtem Termin überall in der Umgebung Schreiben oder Plakate auftauchen, mit denen ein vertrauenswürdiger Verein (kann auch erfunden sein!) zufällig zum selben Zeitpunkt am gleichen Ort zu einem Pilze-Sammel-Nachmittag oder einem großen Versteckspiel für Kinder und Familien einlädt, ist wahrscheinlich eine Absage nötig. Diese könnte auch mit einem Fake verkündet werden ...
- Jäger könnten selber zum ,Tier' gemacht werden, indem im Wald offiziell wirkende Tafeln angebracht werden, die biologische und soziale Merkmale dieser „Spezies“ beschreiben, dabei die Machart von Informationstafeln in Zoos kopieren und den Unsinn von Jagd thematisieren („Bei dem gemeinen Jäger handelt es sich meist um männliche Einzelgänger, denen es Freude bereitet, andere Tiere zu erlegen. Sie wenden viel Mühe auf, um einen hohen Bestand an erlegbaren Tieren zu erreichen ...“).
- Verstecktes Theater: Die Methode des versteckten Theaters besteht darin, in der Öffentlichkeit eine Theaterszene zu spielen, die nicht als solche zu erkennen ist, als ,echt' erscheint und Umstehende zum Eingreifen bewegt. Beispiel: Du stehst an der Kasse und fragst die Verkaufsperson unsicher, ob die von dir ausgesuchte Creme ohne Tierversuche hergestellt wurde, du hättest so Gerüchte gehört. Eine scheinbar unbeteiligte Person in der Schlange, die auch zur Aktionsgruppe gehört, mischt sich laut ein und pöbelt „Das ist doch nicht so wichtig. Wenn wir auf alles achten, was in so Produkten drin ist, wird die Schlange nur länger. Dann kann man ja gar nichts mehr kaufen“; weitere Personen können sich mit anderen Rollen einmischen ... mit dem Ziel, eine Debatte um Tierversuche unter den Umstehenden auszulösen ...
- Überidentifikation für Tierdressur: Statt offener Kritik wäre es interessant, eine Jubeldemonstrationen vor einem Zirkus mit ,Tieren' durchzuführen. Das heißt selber als Fanclub von Tierdressur und -haltung auftreten - mit völlig übertriebenen Inhalten. Dazu passen könnten Schilder mit schrägen Parolen („Tiere sind gerne gefangen“, „Professionelle Zirkus-Tiere lassen sich ihr Leid nicht anmerken“), ähnlich zugespitzte, aber bierernst vorgetragene Reden und lustiges Zubehör. Wichtig ist ein professionell-ernsthaftes Auftreten, damit nie ganz klar ist, was hier passiert; Überidentifikation ist keine Satire, die nachher aufgeklärt wird. Sie übernimmt die Positionen der Gegenseite, um sie gegen diese zu wenden und darüber inhaltlich zu vermitteln.
Auch hier gilt „Die Mischung macht's“: Wenn parallel zur Jubeldemonstration eine andere Gruppe mit kritischen Flugblättern auftaucht, dürfte diese von der Aufmerksamkeit durch die skurrile Inszenierung profitieren. Wer gezielt mit diesen unterschiedlichen Aktionselementen spielt (ohne dass dieses Zusammenwirken erkennbar ist!), kann deutlich mehr Aufmerksamkeit erzeugen. Zum Beispiel könnten die beiden Gruppen sich gegenseitig anpöbeln, das Verbot der jeweils anderen fordern usw. Damit wird zugleich die Situation für Zirkus oder Polizei chaotisiert, die es schwer haben werden, wenn sie die Zusammenhänge nicht blicken. Und das ist regelmäßig so, weil subversives Denken nicht weit verbreitet ist ...
Alltag
Politische Aktion und Alltag sind fast immer abgetrennt voneinander. Widerstand ist ein Ausnahmeereignis, während Herrschaftsverhältnisse immer fort wirken. Das muss aber nicht so bleiben: Viele der hier vorgestellten Aktionsmethoden lassen sich, wenn sie einmal eingeübt wurden, auch ohne riesige Vorbereitung im Alltag anwenden. Es ist sinnvoll, kreative Widerständigkeit nicht nur auf herausgehobene Ereignisse zu beschränken - gerade auch, weil Tierausbeutung so allgegenwärtig ist. Na, dann mal los ...
Lesetipps
- Autonome A.F.R.I.K.A. Gruppe (2001): Handbuch der Kommunikationsguerilla. Berlin, Hamburg: Assoziation A
- Dirk Tägschen (2004): Die Mischung macht's. Saasen: Projektwerkstatt
- Komm Unikat Ion (2004): Subversive Kommunikation. Saasen: Projektwerkstatt
- Marc Amman (2005): Go.Stop.Act. Grafenau: Trotzdem
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- Feedback und Diskussion zum Text
Fussnoten
- 1 Der Begriff Tier ist schwierig, weil er trotz aller Unterschiedlichkeit zwischen verschiedenen Lebewesen eine Kategorie aufmacht, die dem Menschen gegenübergestellt wird. Wenn er in diesem Text ohne verdeutlichende Zusätze verwendet wird, liegt das daran, dass feststehende Begriffe (z.B. Tierhaltung) ansonsten unverständlich aussehen würden.
- 2 In Iserlohn hatte eine Tierrechtsgruppe für den 6. Oktober 2001 zu einer kreativen „Soya wohl nicht“-Demo mit vielen Stationen eingeladen, wo Theater, Performances und weitere Bausteine phantasievollen Protestes umgesetzt werden sollten, ohne dass es dafür eine Resonanz gab, d.h. die Leute wollten lieber nur latschen, obwohl sie dabei nicht sonderlich motiviert aussahen.
- 3 Siehe „Vegane Identitätspolitik“ (Seite 45).
- 4 Siehe dazu auch „Tierbefreiung aktuell“ - Zeitung der Tierbefreier e.V., die Öffentlichkeit für militante Tierrechtsaktionen herstellt, z.B. durch Abdruck von Bekennerinnenschreiben.
- 5 Militanz bedeutet eigentlich ,nur' kämpferisch und wird z.B. in Frankreich viel selbstverständlicher in dieser Weise benutzt; im deutschsprachigen Raum werden damit oft illegale Aktionsformen bezeichnet.
- 6 Zur Kritik an demokratischen Verhältnissen: Jörg Bergstedt (2006): Demokratie. Reiskirchen: SeitenHieb.
- 7 Diese Kritik ist nicht als Aufforderung zu verstehen, dass alle sich bei offenen Aktionen angepasst kleiden sollen, um den Passantinnen zu gefallen. Es geht mehr darum, die Uniformierung (die sicher nicht Ausdruck von selbstbestimmter Kleidungswahl ist!) aufzubrechen, denn eine bunte Demonstration unterschiedlichster Menschen dürfte offener wirken.
- 8 Siehe dazu „Vegane Identitätspolitik“ (Seite 45).
- 9 Abgesehen davon ist die Zweiteilung in gute Tierrechtlerinnen und böse Fleischfresserinnen sehr binär und verdeckt, dass alle Menschen in unterschiedliche Herrschafts- und Ausbeutungsmechanismen eingebunden sind. Siehe dazu „Vegan - ökologisch - politisch“ (Seite 49).
- 10 So angelegt war zum Beispiel der antirassistische Aktionstag in Gießen am 14. September 2003, allerdings wurde auch hier der bewusst eingeplante und offensiv beworbene Freiraum für eigene Aktionen nicht genutzt (www.projektwerkstatt.de/14_9gi/14_9bericht.html).
- 11 Mehr zu Mars-TV auf www.projektwerkstatt.de/marstv
- 12 Es gibt sicher Varianten, umsonst einen zu Zoo besuchen - als Journalistinnen, Studiengruppe ...
- 13 Siehe www.gendreck-weg.de
- 14 Repressionsorgane ist ein Sammelbegriff, der Institutionen bezeichnet, die an systematischer, oft gewaltförmiger Unterdrückung mitwirken (unter anderem Polizei, Justiz, Gefängnisse, Geheim- und Sicherheitsdienste).
- 15 Beschreibungen zu Offenen Aktionsplattformen unter www.projektwerkstatt.de/plattform
