Texte:Befreiung mit Fragezeichen
Aus Buchprojekt
Von Espi Twelve, espi(ätt)projektwerkstatt.de
Viele Tierrechtlerinnen mit anarchistischem Hintergrund verorten ihr Engagement gegen Jagd, Fleischkonsum oder Tierhaltung in einem herrschaftskritischen Kontext. Mit teilweise großer Selbstverständlichkeit werden gemeinsame Merkmale mit rassistischer oder sexistischer Diskriminierung betont. Es gibt sogar einen Begriff, um diese Unterdrückungsform ,einzureihen' in die Liste der zu überwindenden „ismen“: Antispeziesismus. Aber lassen sich die benannten Herrschaftsverhältnisse miteinander vergleichen oder gleichsetzen? Ist die Herrschaft über nichtmenschliche Tiere überhaupt überwindbar? Doch auch die herrschaftskritischen Antworten auf solche Fragen sind nicht frei von Ausblendungen.
Zweifel zu Beginn
Wie das ,befreite' Zusammenleben von Menschen und nichtmenschlichen Tieren eigentlich aussehen soll, wird von Tierrechtlerinnen selten beschrieben. Möglicherweise liegt es daran, dass es nur wenig Ansätze gibt, gesellschaftliche Gegenentwürfe zu entwickeln und dabei (selbst)kritisch zu durchdenken. So dominieren häufig vage Utopien, die kaum einer Diskussion standhalten dürften, weil es gar keine Auseinandersetzung mit auftretenden Widersprüchen und Problemen gab (welche ,nutzbar' gemacht werden könnten für die Weiterentwicklung). Gerade in radikalen oder anarchistischen Zusammenhängen mangelt es an solchen „Herrschaftsbrillen“, die sich nicht mit idealtypischen Beschreibungen zufriedengeben.
Romantisch verklärtes Naturverständnis
,Tierrechts'-Utopien sind fast immer von einem romantischen Naturverständnis durchzogen. Es ist der Mythos eines harmonischen Zusammenlebens, in dem es keine Probleme mehr zu geben scheint, nachdem alle ,Tierkäfige' geöffnet wurden. Einer nüchternen Betrachtungsweise hält diese romantische Traumwelt nicht stand: Menschen stehen mit großen Teilen der belebten Umwelt in prinzipieller Konkurrenz.1 Der Grund dafür ist nicht der Speziesismus oder die von manchen unterstellte ,Bösartigkeit' der Menschen, sondern der schlichte Umstand, dass gleichberechtigte Kommunikation - über die Vereinbarungen erzielt werden könnten - nicht möglich ist. Weder diskutieren Ameisen mit Menschen, wo sie ihre schicken Hügel aufbauen, weder fragen Wespen vorher an, ob sie in einen Bauwagen einziehen können, noch ist es vorstellbar, wie nichtmenschliche Tiere gleichberechtigt in den Planungsprozess einer neuen Eisenbahntrasse miteinbezogen werden sollen. Ohne diese Verhandlung sind konkurrierende Ansprüche oder sich widersprechende Bedürfnisse allerdings nicht aufhebbar.
Jede Art der Flächennutzung, jeder noch so zurückhaltende Eingriff durch Menschen hat ökologische Folgen, die einzelne oder zahlreiche Lebewesen stark betreffen können: Der Neubau2 eines Hauses, für den ein Waldstück gerodet wird, vertreibt und tötet zahlreiche nichtmenschliche Lebewesen. Nur durch einen einseitigen Rückzug, also defensive Akte, kann das stark eingeschränkt werden - allerdings wäre menschliches Leben unmöglich, wenn konsequent alle negativen Folgen auf die Umwelt verhindert werden sollen.
Bei der Produktion von Nahrungsmitteln ist das nicht anders. Zum einen wirkt sich jede Anbauform auf nichtmenschliche Tiere aus. So ist der heutige Artenreichtum in Mitteleuropa untrennbar mit der ,Nutztierhaltung' und den dadurch neu angelegten Wiesen und Weiden sowie deren Randzonen verbunden, welche zu Beginn der industriellen ,Revolution' eine nie dagewesene Lebensraumvielfalt schufen.3 Bei einem Wegfall der ,Nutztierhaltung' würde somit eine hohe Zahl an Arten aussterben. Zum anderen greift Landwirtschaft immer in die Lebenswelten anderer Tiere ein und wirkt für viele Individuen tödlich.4 Nahrungsmittelherstellung und -lagerung muss dagegen abgesichert werden, in großem Maßstab von anderen Tieren konsumiert zu werden.
Innerhalb der menschlichen Gesellschaft ist ein kooperativer Umgang mit Ressourcen aufgrund sozialer Kommunikationsstrukturen zumindest potentiell möglich (auch wenn aktuelle Gesellschaften auf Konkurrenz- und Eigentumslogiken basieren). Dagegen konkurrieren Menschen und nichtmenschliche Tiere meist unaufhebbar miteinander, weil keine Situation hergestellt werden kann, wo beispielsweise Mäuse, Igel und Menschen gemeinsam über die Verteilung von Äpfeln oder Ähnlichem reden (wer es schaffen sollte, kreative Vereinbarungen mit Hausmäusen zu treffen, darf sich gerne bei der Autorin melden!). In solchen Situationen sind - soweit für das eigene Leben tragbar - Rücksicht und Verzicht mögliche Umgangsweisen mit dem meines Erachtens unauflösbaren Widerspruch.
Strukturelle Ungleichheit als Grundproblem
Nichtmenschliche Tiere nehmen nicht an den Kommunikations- und Aushandlungsstrukturen der menschlichen Gesellschaft teil. Alle Entscheidungen, die den Umgang mit anderen Lebensformen oder der Umwelt betreffen, werden von menschlichen Individuen innerhalb ihrer jeweiligen Sozialstrukturen gemacht. „Tiere werden immer von den Menschen als gleichwertig gestellt und nie umgekehrt. Das ist eine strukturelle, nicht überwindbare Ungleichberechtigung.“5 Tierrechte stehen dem nicht entgegen, sie „werden von Menschen verliehen bzw. anerkannt. Auch hier findet keinerlei gleichberechtigte Kommunikation und Entscheidungsfindung des Menschen mit den Tieren statt. (...) Dieser Unterschied besteht sozial.“6 Daher ist Horizontalität, das heißt eine gleichberechtigte Begegnung „auf Augenhöhe“ nicht herstellbar.
Standortgebundenheit
Der Blick aus der menschlichen beziehungsweise der eigenen Perspektive ist unüberwindbar. Es sind immer Menschen, die entscheiden, wie sie mit ihrer Umwelt, mit nichtmenschlichen Tieren, Pflanzen oder unbelebter ,Natur' umgehen wollen. Sie handeln nicht weniger auf sich selbst zentriert, wenn sie beispielsweise Tierrechte konsequent umsetzen würden - und das ist auch gut so: „Es gibt keine naturgegebenen Wertsetzungen - und auch keine göttlichen oder sonstigen. Der Mensch ist wertendes Subjekt. [...] Die Frage ,Haben Tiere per se von Natur aus Rechte?' ist zu verneinen, weil selbst die Bejahung dieser Frage durch den Menschen erfolgen würde und erst durch die Bejahung eine praktische Konsequenz schafft. Ebenso ist die Behauptung, Tiere könnten (...) keine Rechte haben, falsch (...).“7 Wo mit naturgegebenen Werten oder Rechten argumentiert wird, die nicht veränderbar sein sollen, ist keine emanzipatorische Orientierung zu vermuten - wohl aber, dass einzelne Menschen oder Gruppen mit dem Verweis auf unantastbare Wahrheiten ihre Interessen durchsetzen wollen.
Der Widerstand gegen ,Tierausbeutung' ist kein selbstloser Kampf für andere, sondern basiert auf menschlichen Interessen, die nicht verleugnet werden sollten: Es nicht ertragen zu können, wie Lebewesen eingesperrt werden und hinter Gitterstäben vegetieren; die eigene Brutalisierung und Verhärtung abzulehnen, die notwendig wäre, um gezielt nichtmenschliche Tiere zu töten. Der Egoismus der Menschen ist ihre stärkste Triebfeder - auch für Tierrechtlerinnen, die anderes vorgeben mögen.
Abgrenzung vom Anthropozentrismus
„Anthropozentrismus ist nicht als Sicht aus menschlichem Blick zu verstehen, sondern als Sicht aus menschlichem Blick auf eine Welt, in welcher der Mensch als Mittelpunkt über allem anderen gesehen wird.“8
Eine Verteidigung des menschlichem Standpunkts und damit einhergehender Definitionsmacht ist nicht gleichbedeutend mit Anthropozentrismus. Dieser geht über menschlichen Perspektivismus hinaus: Es ist eine Auffassung, die eine hierarchische Ordnung allen Lebens setzt und dabei die Menschen - ergo den weißen, heterosexuellen Mann - an die Spitze stellt. Der idealisierte „Mensch an sich“, gedacht als Zentrum, soll sich von dieser Position aus die ihn umgebende Umwelt vollständig unterwerfen. Die anthropozentristische Ideologie bildet somit eine (rechtfertigende) Grundlage für die Beherrschung der inneren und äußeren ,Natur'.9
Dekonstruktion des Mensch-Tier-Dualismus
Aktuelle Theorieansätze, die sich als kritische Weiterentwicklung von Tierrechtsgedanken verstehen, beschränken sich nicht darauf, die Ausbeutung von Tieren anzugreifen. Vielmehr wird die Einteilung in Menschen und Tiere als soziale Konstruktion verstanden, welche die Kategorien erst hervorbringt. Darin inbegriffen ist auch die Infragestellung weiterer Dualismen, die als sich ausschließend gegenübergestellt werden und welche die abendländische Philosophie durchziehen: Natur und Kultur, Geist und Körper, Denken und Emotion gelten in dieser als Gegensätze, entlang derer sich die Abgrenzung von nichtmenschlichen Tieren bewegt. Kultur und Rationalität sind demnach nur den bzw. bestimmten Menschen vorbehalten (weil die dualistische Konzeption Hierarchien unter Menschen schafft und beispielsweise ,Frauen' und ,Kinder' ebenso als vernunftlos definiert). „Die soziale Konstruktion des Mensch-Begriffs in der europäischen Geistesgeschichte beruht auf einer klaren Trennung zwischen reinem Geist und Seele auf der einen Seite und (...) Körperlichkeit als dem Trieb, der ausschließlich der Natur und den ihr Zugehörigen zugesprochen wurde, auf der anderen Seite.“10
Zweifel an diesen Setzungen werden unter anderem von neueren Forschungen und ihren Ergebnissen untermauert: So sind vielfältige kulturelle Eigenheiten und differenzierte Formen des sozialen Lernens in nichtmenschlichen Tierpopulationen nachweisbar, welche ihre angebliche Kulturlosigkeit widerlegen.11 Auch auf biologischer Ebene ist die Mensch-Tier-Einteilung nicht nachvollziehbar: Organisch sind Menschen, Schimpansen und Kühe sich zum Beispiel sehr viel ähnlicher als Kühe und Regenwürmer oder auch Insekten. Allein die biologische Vielfältigkeit nichtmenschlicher Tieren lässt den Sammelbegriff „Tiere“ und die willkürliche Grenzziehung absurd erscheinen.
All diese interessanten und politisch bedeutsamen Erkenntnisse und Ansätze können helfen, Tierausbeutung und diese stützenden Ideologien entgegenzutreten. Sie können helfen, das vorherrschende Bild vom dummen, kulturlosen ,Tier' zu verändern. Eine andere Sichtweise auf nichtmenschliche Tiere könnte unterstützend dabei wirken, ,unsere' praktischen Umgangsweisen zu verändern. Allerdings würde auch die erfolgreiche Dekonstruktion der sozialen Setzungen und Dualismen nicht die grundlegende Ungleichheit aus dem Weg räumen, die unter „Zweifel zu Beginn“ beschrieben wurde.
Folgen für die herrschaftskritische Debatte
Vereinheitlichte Unterdrückung?
Es lassen sich Gemeinsamkeiten zwischen der Unterdrückung nichtmenschlicher Tiere und anderen Herrschaftsverhältnissen feststellen. Ähnlich wie bei anderen Unterdrückungsverhältnissen werden grausame Behandlungen über Wert- und Eigenschaftszuschreibungen gerechtfertigt. ,Tiere' werden - immer in Abgrenzung zu Menschen - als unvernünftig, primitiv oder kulturlos definiert, um sie ausbeuten zu können. Faktisch durchzieht diese Ideologie, welche nichtmenschliche Tiere auf die unterste Hierarchiestufe stellt, auch den gesamten Alltag. Zudem greifen sexistische oder rassistische Diskriminierungen häufig auf ,Tier'-Zuschreibungen und -Bilder12 zurück, die möglicherweise sogar die Tiefenstruktur solcher Ausgrenzungspraxen darstellen13. Es sind also Schnittstellen zwischen diesen Herrschaftsverhältnissen festzustellen, die sich gegenseitig durchdringen und verstärken.
Allerdings gibt es auch durchgreifende Unterschiede zu anderen Herrschaftsverhältnissen, die sich aus der strukturellen Ungleichheit zwischen Menschen und anderen Tieren ergeben: Menschen (genauer gesagt ein Teil der Menschen) können miteinander diskutieren und vereinbaren, wie sie ihr Verhältnis zu nichtmenschlichen Tieren gestalten wollen. Das tun sie hoffentlich mit einer empathischen Haltung, aber dennoch unter Ausschluss von ,Tieren'. Diese Ungleichheit und das daran gebundene Herrschaftsverhältnis bleiben auch dann erhalten, wenn sich durchsetzen sollte, dass Zoos, ,Massentierhaltung' und ähnlich grausame ,Errungenschaften' beendet werden. Die Bedingungen, auf deren Grundlage nichtmenschliche Tiere aktuell unterdrückt werden, bestehen weiter fort, weshalb mir fraglich erscheint, ob der soziale Begriff ,Befreiung' überhaupt passend ist.
Solche Bedenken scheinen Tierrechtlerinnen wie Helmut F. Kaplan nicht davon abzuhalten, Unterdrückungsverhältnisse gleichzusetzen:
„Niemand kann leugnen, daß die Tierrechtsbewegung die logische und konsequente Fortsetzung anderer akzeptierter Befreiungsbewegungen ist, wie etwa der Befreiung der Sklaven oder der Emanzipation der Frauen: Stets ging und geht es um das Erkennen und Überwinden von moralischen Diskriminierungen aufgrund moralisch irrelevanter Merkmale - hier: Hautfarbe, Geschlecht und Artzugehörigkeit.“14
Aber bereits das weit verbreitete ,Tierrechts'-Symbol (gemeint ist ein Stern, auf dem Menschen- und Hundepfote kämpferisch gestreckt sind) bildet einen Wunschtraum ab, der ,Tiere' vermenschlicht und sie zu etwas macht, was sie niemals umfassend sein können: Subjekt von Befreiung. Das ist ein Unterschied zu Sexismus, Rassismus, der Diskriminierung von Kindern, ,behindert' oder psychisch ,krank' definierten Menschen - selbst wenn mensch berücksichtigt, dass auch nicht alle Menschen sich gleichermaßen emanzipieren können. Slogans wie „Für die Befreiung von Mensch und Tier“ sind daher problematisch, weil solche Unterschiede einfach geleugnet würden, anstatt den besonderen Charakter einzelner Unterdrückungsformen mitzudenken. Weil nichtmenschliche Tiere sich nicht von den ihnen auferlegten Bedingungen emanzipieren können, ist es die soziale ,Aufgabe' von Menschen zu klären, wie mit diesem Dilemma umgegangen werden soll.
Wichtige Zusätze
Aus diesen Überlegungen leitet sich nicht ab, dass es ,richtig' oder legitim ist, nichtmenschliche Tiere gefangenzuhalten, für Pelzmäntel, medizinische Versuche oder zur Nahrungsmittelproduktion zu töten; auch nicht, dass Tiere deshalb ,wert'- oder rechtlos sind. Leider wird so etwas immer wieder unterstellt, zum Beispiel in Debatten auf der Mailingliste zu diesem Schwerpunkt.15 Ich finde es schade, dass kritische Betrachtungen von Veganismus oder ,Tierrechts'-Ansätzen so reflexhaft als Versuch wahrgenommen werden, Tierausbeutung zu rechtfertigen - und nicht etwa als konstruktive Hinweise auf Möglichkeiten, sich und die eigenen Theorien weiter zu entwickeln.
Herrschaftskritik mit Ausblendungen
Die hier an antispeziesistischen und Tierrechtskonzeptionen formulierte Kritik stützt sich auf persönliche Diskussionen und bestimmte Debattenstränge, vor allem die Ideen „Freier Menschen in freien Vereinbarungen“16 und „Autonomie und Kooperation“17. Allerdings sind auch dort Ausblendungen und Lücken erkennbar. Auffällig ist beispielsweise, dass die Unmöglichkeit gleichberechtigten Umgangs mit nichtmenschlichen Tieren so dargestellt wird, als stünden dem ,die' Menschen als monolithischer Block gegenüber (und das, obwohl Hierarchien zwischen Menschen ansonsten stark eingeblendet werden). So heißt es beispielsweise in einem Positionspapier des Instituts für Ökologie: „Die Gestaltung der menschlichen Gesellschaft ist Sache der Menschen. Die Menschen sind gleichberechtigt. Niemals aber werden Tiere daran teilhaben.“18 Das ist problematisch: Hinter Begriffen wie „die Menschen“ oder „der Mensch“ verschwinden die vielfältigen Ungleichheiten zwischen Menschen. An gleichberechtigten Aushandlungsprozessen können nur die teilnehmen, die über die unterstellten kommunikativen Fähigkeiten verfügen; in einem umfassenden Sinn selbstbestimmt zu leben, setzt noch viel mehr voraus. Zum anderen wird durch die Setzung einer scheinbar absoluten Grenze verdeckt, dass nichtmenschliche Tiere willkürlich oder unwillkürlich in menschliches Leben eingreifen.
Auch in innigen Diskussionen auf der Schwerpunkt-Mailingliste19 wurde auf meine Argumente eingewendet, dass ,Kinder' ebenfalls nicht gleichberechtigt seien. Dem kann ich nicht widersprechen: Zwischen einer ,erwachsenen' Person und einem neugeborenen ,Kind' besteht erst einmal keine Gleichberechtigung. In diesem Fall setzen die Bezugspersonen - mindestens eine ganze Weile - die Rahmenbedingungen, welche den jungen Menschen beeinflussen. Dieses Gefälle verschwindet auch nicht, wenn die älteren Personen gute Absichten haben oder die Selbstorganisierung des betroffenen ,Kindes' fördern wollen. Die antipädagogischen Theorien sind in dieser Hinsicht sehr lückenhaft. Noch gravierendere Schwierigkeiten für Horizontalität dürften dort bestehen, wo Menschen mit schwersten geistigen ,Behinderungen' oder Verletzungen nicht mehr fähig sind, ihre Interessen umzusetzen. In solchen Situationen sind Menschen möglicherweise dauerhaft darauf angewiesen, dass andere Menschen ihnen umfassend bei der Umsetzung ihrer Bedürfnisse helfen und diese - per empathischer Projektion - überhaupt erst wahrzunehmen versuchen.
Herrschaftskritische Theorien setzen selber fast immer „den Menschen als Norm, als Maß, an dem die anderen Tiere gemessen werden. Auch viele vorgeblich antispeziesistische TheoretikerInnen (z.B. Peter Singer und Tom Regan, um die beiden Bekanntesten zu nennen) und viele TierrechtlerInnen (...) beziehen sich auf einen objektivierenden Begriff von Differenz, von Andersartigkeit, indem sie in ihrer Ethik (z.T. bestimmte) Menschen als Norm setzen.“20 Von dieser Normierung gehen große Gefahren aus: „Um den Einlaß in die moral community, d.h. in die moralische Gemeinschaft zu erhalten, müssen nichtmenschliche Tiere bestimmte Kriterien erfüllen. Sie müssen letztendlich so sein wie wir - die Norm - wobei dieses wir, je nachdem, wer die Speziesgrenze bewacht, die einen oder anderen Menschen ein- oder ausschließen kann (z.B. sog. Behinderte). Legale und illegale ,EinwanderInnen' in diese moralische Gemeinschaft können demnach auch jederzeit (...) wieder ausgewiesen werden.“21
Trotz dieser Ausblendungen bleiben Unterschiede: So können sich ,Kinder'22 (nicht unmittelbar nach der Geburt, logisch!) organisieren und sich schrittweise in die Unabhängigkeit bewegen, während andere Tiere sich nicht gegenüber Menschen emanzipieren können. Unter anderen Rahmenbedingen könnten die Möglichkeiten selbstbestimmten Handelns von ,Kindern' oder ,behindert' gemachten Menschen deutlich gesteigert werden, z.B. durch die Schaffung einer Umwelt, in der sie sich ohne Hilfe bewegen und zurechtfinden können („Barrierefreiheit“). Allerdings wird auch in diesen Fällen eine empathische Haltung anderer Menschen und deren Unterstützung vorausgesetzt, die gerade nicht für vollständige Autonomie oder Emanzipation steht. Ungeachtet dieser Einschränkungen sind Annäherungen an horizontale Verhältnisse innerhalb menschlicher Sozialstrukturen viel eher und weitergehend möglich.
Fragen und Herrschaftskritik
Unterschiede zwischen Lebewesen sind nicht binär, sondern gradueller Art. Daher sind genau genommen alle eindeutigen Grenzziehungen hinfällig. Auch die Definition darüber, wer Teil gleichberechtigter Aushandlungsprozesse ist, kommt nicht ohne Ausklammerung aus. Richtig erscheint mir zwar, dass alle nichtmenschlichen Tiere davon ausgeschlossen sind. Allerdings stellt die in herrschaftskritischen Theorien unterstellte kommunikativ-handlungsfähige Basis für gleichberechtigten Umgang auch zahlreiche Menschen ins Abseits. Daher ist es verklärend und gefährlich, die Menschen „an sich“ nichtmenschlichen Tieren als Subjekt gegenüberzustellen, auch, weil sogenannte geistig ,Behinderte' in dieser Logik als nichtmenschliches Tier gelten würden. Kann es angesichts dessen einen nicht ausgrenzenden Mensch-Begriff geben?
Auf die aufgeworfenen Fragen habe ich keine Antworten, schon gar keine abschließenden. Notwendig scheint mir aber, sie in weiteren Auseinandersetzungen um herrschaftsfreie Gesellschaften viel intensiver und selbstkritischer aufzunehmen - damit Horizontalität nicht als neues Schlagwort endet, das die Widersprüche vergessen macht.
Fazit für die Praxis
Aus all dem ergibt sich vielleicht ein nüchterner Blick (auch auf klassisches ,Tierrechts'-Engagement), nicht aber, dass antispeziesistische Praxis sinnlos wäre: Möglich ist weiterhin, dass Menschen einseitig die von ihnen geschaffenen Ausdrucksformen der beschriebenen Ungleichheit beenden. Und mir erscheint es auch sehr sinnvoll, aus Zoos, der Haltung von ,Tieren' als Projektionsfläche für soziale Bedürfnisse, Jagd und Tierversuchen schon bald Vergangenheit zu machen. Da ein gleichberechtigter Umgang mit nichtmenschlichen Tieren in einem umfassenden, sozialen Sinn nicht möglich scheint, bleibt die möglichst weitgehende Abwicklung tierausbeuterischer Strukturen und eine erhöhte Umsichtigkeit, ein ständiges Bemühen, anderen Lebewesen - soweit möglich - keinen Schaden zuzufügen. All das sind defensive Akte innerhalb des weiter bestehenden Herrschaftsverhältnisses. Zudem gibt es Grenzen für rücksichtsvolles Verhalten (ohne Stoffwechsel mit der Umwelt ist menschliches Leben nicht organisierbar). Sich darüber keine Illusionen zu machen, ist möglicherweise niederschlagend, aber ich hoffe, dass es nicht die Motivation raubt, sich stark zu machen für erreichbare Verbesserungen. Und das können nur ,wir' Menschen.
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Fussnoten
- 1 Gegenbeispiel: Apfelbäume profitieren vom menschlichen Apfelessen und Weiterverbreiten der Kerne.
- 2 Aufgrund des Überflusses an bewohnbaren Gebäuden ist es natürlich unsinnig, neue zu bauen – aber das Beispiel dient ja nur der Veranschaulichung.
- 3 Harald Plachter (1991): Naturschutz. Stuttgart: G. Fischer (Seite 69-71).
- 4 Siehe dazu „Vision einer Landwirtschaft ohne (Tier-)Ausbeutung“ (Seite 60) und „Containern und Veganismus“ (Seite 58).
- 5 Gruppe Gegenbilder (2006): Autonomie und Kooperation. Reiskirchen: SeitenHieb.
- 6 ebenda.
- 7 Jörg Bergstedt (2000): Alle Rechte gehen vom Menschen aus. Bad Oldesloe: Institut für Ökologie.
- 8 Anmerkung von Andre Gamerschlag auf den 1. Entwurf dieses Textes.
- 9 Siehe dazu Autonome Tierbefreiungsaktion Hannover (2005): Anthropozentrismus als Ausgrenzungsmuster (http://projekte.free.de/hah/texte/anthropozentrismus.html).
- 10 ebenda.
- 11 Siehe dazu Frans de Waal (2005): Der Affe und der Sushimeister. München: dtv.
- 12 Siehe dazu Günther Rogausch (1999): Innerhalb einer Kultur des Schlachthofes – Jenseits von Fleisch. In: Tierrechts Aktion Nord (Hrsg.): Reflexionen zum Mensch-Tier-Verhältnis. Hamburg: Selbstverlag (S. 11).
- 13 Siehe dazu Jobst Paul (2004): Das ,Tier'-Konstrukt – und die Geburt des Rassismus. Münster: Unrast.
- 14 Helmut F. Kaplan (1998): Die Zukunft der Tierrechtsbewegung. In: Edmund Haferbeck/ Frank Wieding. Göttingen: Echo.
- 15 Siehe https://lists.schokokeks.org/pipermail/buchprojekt/2006-January/thread.html#33
- 16 Gruppe Gegenbilder (2000): Freie Menschen in freien Vereinbarungen. Reiskirchen: SeitenHieb.
- 17 Gruppe Gegenbilder (2006): Autonomie und Kooperation. Reiskirchen: SeitenHieb.
- 18 Jörg Bergstedt (2000): Alle Rechte gehen vom Menschen aus. Bad Oldesloe: Institut für Ökologie.
- 19 https://lists.schokokeks.org/pipermail/buchprojekt/2006-January/000055.html
- 20 Günther Rogausch (1999): Innerhalb einer Kultur des Schlachthofes – Jenseits von Fleisch. In: Tierrechts Aktion Nord (Hrsg.): Reflexionen zum Mensch-Tier-Verhältnis. Hamburg: Selbstverlag (S. 10-11).
- 21 ebenda.
- 22 Genau genommen ist ,Kind'-Sein eine Konstruktion, da es von einer absoluten Grenze ausgeht – die je nach Gesellschaft unterschiedlich definiert ist oder gar nicht besteht.
